Wie wir Gedanken ordnen, bevor das erste Wort fällt
Ein Blick in unsere Arbeitsweise im Kurs Strukturiertes Denken: welche Schritte wir mit Teilnehmenden gehen, welche Werkzeuge wir nutzen und woran wir Fortschritte erkennen.
Dr. Katharina Brandt · · 5 Minuten Lesezeit

Der erste Termin beginnt ohne Vortrag
Wer zum ersten Mal in unseren Kurs Strukturiertes Denken kommt, erwartet oft eine Einführung in Techniken. Wir beginnen anders: Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer bekommt eine Frage aus dem eigenen Berufsalltag und drei Minuten Zeit, schriftlich festzuhalten, was sie oder er dazu sagen würde. Gesprochen wird noch nichts.
Dieser Einstieg zeigt uns schnell, wo die Schwierigkeit liegt. Selten fehlt es an Wissen. Meist sind es vier, fünf Gedanken, die gleichrangig nebeneinanderstehen, ohne dass erkennbar wäre, welcher davon trägt. Wir sammeln diese Blätter ein, lesen sie ruhig durch und besprechen sie in der Gruppe, ohne jemanden vorzuführen.
Aus diesen Blättern entsteht das Material für die ersten Wochen. Wir arbeiten also nicht mit erfundenen Übungsfällen, sondern mit den Fragen, die Sie tatsächlich beschäftigen.
Von der Stoffsammlung zur Kernaussage
Der zweite Schritt heißt bei uns schlicht Verdichten. Aus allem, was auf dem Blatt steht, soll ein einziger Satz werden, der beantwortet, was Ihr Gegenüber am Ende wissen oder tun soll. Das klingt einfach und ist die anspruchsvollste Übung des gesamten Moduls.
Matthias Lindemann, der Dozent für dieses Modul, lässt dazu zunächst alles streichen, was nur interessant, aber nicht notwendig ist. Danach wird geprüft, ob der verbleibende Satz tatsächlich eine Aussage enthält oder nur ein Thema benennt. Aus der Überschrift Personalplanung wird dann etwa die Aussage, dass im nächsten Quartal zwei Stellen früher besetzt werden müssen.
Viele Teilnehmende berichten, dass dieser Moment unbequem ist, weil er Unentschiedenheit sichtbar macht. Genau darin liegt sein Nutzen: Was sich nicht in einem Satz sagen lässt, ist meist noch nicht zu Ende gedacht.
- Alles notieren, was zur Frage gehört
- Streichen, was nicht zwingend nötig ist
- Einen Satz formulieren, der eine Aussage trifft
Argumente tragen oder nur dekorieren
Steht die Kernaussage, prüfen wir die Stützen. Jedes Argument wird gefragt, was genau es beweist und ob es auch ohne die anderen standhält. Wir arbeiten mit einfachen Prüfsätzen wie: Daraus folgt, dass … Wenn dieser Satz nicht gelingt, hängt das Argument lose in der Luft.
Häufig stellt sich dabei heraus, dass zwei Argumente dasselbe sagen und eines davon wegfallen kann, oder dass ein wichtiger Zwischenschritt fehlt, den man selbst längst für selbstverständlich hielt. Gerade Fachleute überspringen Schritte, die ihr Publikum noch gar nicht gegangen ist.
Wir lassen die Argumentation anschließend von einer zweiten Person laut nachvollziehen. Stockt sie an einer Stelle, ist das ein Hinweis auf eine Lücke und kein Zeichen mangelnder Aufmerksamkeit. So wird Kritik sachlich und bleibt ohne Beigeschmack.
Werkzeuge, die wir tatsächlich benutzen
Unser Handwerkszeug ist bewusst schlicht. Es besteht aus Papier, Bleistift und einem Raster, das wir in der Akademie entwickelt haben: links die Kernaussage, in der Mitte zwei bis drei Gründe, rechts jeweils ein Beleg. Mehr braucht es für die meisten Anlässe nicht.
Digitale Hilfsmittel setzen wir zurückhaltend ein, weil sie dazu verleiten, Gliederungen zu verschönern, statt sie zu durchdenken. Wer eine Struktur von Hand aufschreibt, merkt sofort, wenn sie zu lang wird. Auf dem Bildschirm lässt sich fast alles unterbringen.
Dazu kommt eine Übung, die wir Zwei-Minuten-Fassung nennen. Jede Gliederung muss sich in zwei Minuten mündlich vortragen lassen, ohne Zettel und ohne Abschweifung. Erst wenn das gelingt, gilt sie als tragfähig und darf in die Arbeit an Wortwahl und Stimme übergehen.
- Dreispaltiges Raster auf Papier
- Prüfsatz: Daraus folgt, dass …
- Zwei-Minuten-Fassung ohne Zettel
Woran wir Fortschritt erkennen
Fortschritt zeigt sich weniger in glänzenden Auftritten als in Kleinigkeiten. Teilnehmende beginnen Antworten mit dem Ergebnis statt mit der Vorgeschichte. Sie unterbrechen sich seltener selbst. Sie sagen häufiger: Dazu gibt es zwei Gründe, und meinen genau zwei.
Wir halten diese Beobachtungen in kurzen Notizen fest und besprechen sie im Einzelgespräch. Dabei geht es nicht um Bewertung nach Punkten, sondern um die Frage, welche Gewohnheit sich verändert hat und welche noch Aufmerksamkeit braucht.
Realistisch bleibt dabei: Gedanken zu ordnen ist eine Fertigkeit, die sich über Wochen festigt. Nach den ersten Terminen gelingt es bei vorbereiteten Anlässen deutlich besser. Im spontanen Gespräch braucht es mehr Übung, und genau dafür gibt es die weiteren Module im Curriculum.
Was Sie mitbringen sollten
Voraussetzungen im engeren Sinn gibt es keine. Hilfreich ist ein realer Anlass aus Ihrem Berufsleben, an dem wir arbeiten können, etwa eine anstehende Präsentation, eine Gremiensitzung oder ein schwieriges Gespräch. Je konkreter der Anlass, desto unmittelbarer lässt sich das Gelernte prüfen.
Bringen Sie außerdem die Bereitschaft mit, Entwürfe zu kürzen. Das fällt anfangs vielen schwer, weil jeder gestrichene Gedanke wie ein Verlust wirkt. Mit der Zeit wird er zur Erleichterung, denn ein kürzerer Gedankengang ist leichter zu halten und leichter zu sprechen.
Wenn Sie unsicher sind, ob das Modul zu Ihrer Situation passt, sprechen Sie uns in einem Beratungsgespräch an. Wir schildern Ihnen dann genau, wie die Termine aufgebaut sind und was in Ihrem Fall realistisch erreichbar ist.
Strukturiertes Denken ist bei uns kein Zusatz zur Rhetorik, sondern ihre Grundlage. Wer vor dem Sprechen weiß, was er sagen will und warum, gewinnt Ruhe, ohne sie eigens üben zu müssen. Der Weg dorthin besteht aus Papier, Geduld und genauen Fragen. Gerade in diesen Herbstwochen, in denen viele Planungen für das neue Jahr anstehen, lohnt es sich, damit zu beginnen.
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